Morgenstunde, Delfinfund
Heute gilt es noch ein letztes Mal früh aus den Federn zu steigen! Wir haben unseren sehr netten Kapitän Bastian von gestern direkt noch einmal mitsamt Boot für eine Delfinsuche gebucht. Er wirkt sehr verantwortungsvoll bzgl. Tier und Natur. Andernfalls wäre ich nie auf die Idee gekommen! Da haben wir nämlich sehr miese Erfahrungen gemacht. Sowohl an Bord als auch als ferne Beobachter. Diese Delfin-Touren sind oft wahre Treibjagden. Zahlreiche Boote rasen den Delfinschulen hinterher, kesseln die Tier zum Teil ein und werfen die Touristen in Scharen für einen kurzen Blick auf die fliehenden Tieren ins Wasser. Oft noch mit Schwimmwesten, damit die armen Nichtschwimmer vor Aufregung nicht ersaufen. Das ist übel. Wir haben das einmal in Kizimkazi auf Sansibar erlebt. Ekelhaft. Wir sind am Ende auf dem Boot geblieben.
Aber mit unserem Bastian haben wir ein gutes Gefühl. Ein paar Minuten zu spät kreuzen wir am Strand auf und sehen, dass er seine Tochter heute mitgebracht hat. Sie ist etwas älter als Maila, aber die beiden begrüßen sich schon lächelnd.
Wir waden durch das seichte Wasser zum Fischerboot. Auf dem Boden erblicke ich eine dieser nicht ganz ungefährlichen Wasserschnecken. Da sollte man nicht drauftreten. Sehr giftig, aber auch hübsch. Könnte aber auch ein Volutenschnecke sein. Die haben keine Harpunen. Egal. Wir hatten jetzt eh nicht vor draufzutreten.
Fette Dorfparty – Thanksgiving
Heute ist Thanksgiving und das halbe Dorf ist in der Kirche. Die andere Hälfte testet die Grenzen ihrer LoFi-Anlagen und aus wirklich jedem Garten trällert jemand zu übel kitschigen indonesischen Schlagern. Lustig, grenzwertig, schweinelaut und gesanglich beeindruckend gut – alles zeitgleich!
Das Gute für uns? Niemand ist heute auf dem Meer! Überall im Dorf gibt es Essen umsonst. Open House alle 5 Meter. Es riecht nach Fisch, Gemüse, Curry, Spanferkel und Spandingsbums, später mehr dazu. Klassisch nord-sulawesische Festtagsgerichte eben.
Auf geht‘s
Wir tuckern also auf spiegelglatter Meeresoberfläche auf’s Meer hinaus. Man kann kilometerweit sehen. Perfekt für Rückenflossen-Spotting. Allerdings gurken wir schon recht lange herum und erspotten gar nichts außer ein paar Fischern am Horizont. Bastian fährt zu ihnen und fragt nach, ob sie heute schon Delfine gesehen haben. Die Fischer verneinen. Schlecht. Denn das bedeutet, dass im Umkreis von mindestens 3 Kilometern auch keine sind. Wir tuckern weiter. Bestimmt noch weitere 30-40 Minuten. Und wie aus dem Nichts ruft Maila „Delfine“! Kurz danach bestätigt Bastian. Maila hat die Delfinflossen entdeckt, keine 30 Meter neben uns. Ganz die Mama! Maila entwickelt sich langsam zu einer Tierauffinderin. Dann hab ich gleich zwei davon, super! Wir ziehen hektisch unsere Leicras und Flossen an und machen uns ready. Die kleine Gruppe ist aber in Bewegung. Wir werden sie nur kurz sehen, wenn sie nicht an uns interessiert sein sollten. Bastian macht den Motor aus und wir warten kurz. Die Delfine schwimmen unbeeindruckt weiter. Wir versuchen leise und vorsichtig ins Wasser zu gleiten. So vorsichtig es eben möglich ist mit Flossen über die Longboat-Seite reinzuflutschen. Und da sind die Kerlchen! Fünf Delfine, synchron schwimmend, direkt nebeneinander. Ich glaube es ist ein Baby dabei. Ein bißchen hinten dran ein Absonderling. Was hat sich da denn dazugemogelt? Bastian meinte, es sei ein Pilotwal. Mir kam er zu klein vor für einen Pilotwal. Endlich hat es geklappt!!! Maila hat sich das schon so lange gewünscht auch mal mit Delfinen zu schwimmen. Wir sind ganz alleine im Wasser. Für ein paar Sekunden können wir sie recht gut sehen, dann tauchen sie wieder etwas tiefer ab und verschwinden im Blaugrau. Das war großartig! Wir sehen sie noch zweimal und versuchen mit ausgeschaltetem Motor beide Male einen Blick zu erhaschen. Die Tiere bewegen sich aber unbehelligt in ihrer Reisegeschwindigkeit weiter. Zu schnell für uns, trotz Flossen. Wir beschließen dann sie in Ruhe zu lassen. War trotzdem genial. Maila konnte sie dreimal sehen. Für arg viele Bilder blieb allerdings keine Zeit. Muss ausnahmsweise mal die Erinnerung reichen.
V-Mann mit heißen News
Dann klingelt Bastians Telefon. Er wirkt aufgeregt. Redet mit seiner Tochter. Und zeigt mir dann ein Video auf seinem Handy, das wohl eben entstanden sei. WUOUH!!!! Da schwimmen drei riesige Wale direkt neben einem Fischerboot! Sie ruhen und treiben an der Wasseroberfläche ganz still. In einem zweiten Video sehe ich auch ein kleineres Kälbchen. Ich erkenne nicht richtig welche Walart es sein könnte. Aber groß! Sehr groß! Hier gibt es meines Wissens keine Buckelwale. Und damit kenne ich mich mittlerweile doch recht gut aus. Was könnte es sonst sein? Finnwale? Hier in der Celebessee? Ich glaube, die großen Wale wie Blauwal, Buckelwal und Finwal ziehen hier höchstens mal saisonal durch. Aber sie verbleiben eher nicht. Und auch nicht mit Jungtieren, soweit ich das weiß. Blieben Pottwale! Boah, das wäre ja der absolute Kracher!!!!!
Ich werde ganz hippelig und fühle mich wie vor einem WM-Finale. Kopfkino! Wie krass wäre DAS denn? Zum Abschluss dieser Reise und dann vollkommen, VOLLKOMMEN, unerwartet!!! Bastian beendet das Telefonat und sagt:
„My friend give me call. Lots of big whales resting. But it’s a little bit far“
„Little bit far“ – das ist indonesisch und heißt scheißweit weg! Mir völlig wurscht, schmeiß deinen Zweitakter an und lass deine Schüssel glühen! Er fragte eigentlich gar nicht, sondern fährt los! Gut. Also, er dreht voll auf, und wir… wir tuckern immer noch in recht behäbiger Geschwindigkeit von dannen. Also, wäre es eine Komödie, dann wäre das hier die Stelle, an der man lacht. Ich, irrsinnig enthusiastisch! Mit purer Willenskraft – und voll aufgespannt vor lauter Vorfreude – beschleunige ich das Boot innerlich auf Lichtgeschwindigkeit! Das Wasser verpufft rechts und links. Es sprühen Funken an den Bootaußenseiten! Aber außerhalb von meinem Kopf tuckert der lahmarschigste Zweitakter ganz Sulawesis in Richtung Manadotua, der kegelförmigen Vulkaninsel, die am Horizont weit entfernt und ganz blass zu erahnen ist. GOTTTTTTTT!!!! DAS WIRD STUNDEN DAUERN!!!!!! IST IHM DAS NICHT KLAR????? STUUUUUUNDEEEEEEEN!!!
„Little bit far“ – MANN, DAS HIER IST „A LITTLE BIT SLOW!!!!“
Ich will es herausschreien, ich will es wütend, in die offene See eruptieren – höflich, aber direkt in sein superfreundliches Gesicht brüllen! So aufgeregt bin ich innerlich!!! Rauskommt aber nur so ein kümmerlicher Hundelaut. So ein „Huogh“ kombiniert mit einem auf die Zähne gebissenen, verzwungenen Grinsen. Er ist viel zu nett und freundlich, als das ich jetzt europäischen Stress machen kann… schaut viel zu gemütlich, um mit Nachdruck um ein paar Pferdestärken mehr zu bitten. Ich ergebe mich. Er wird schon wissen was er tut.
Eineinhalb Stunden später
Eineinhalb Stunden später muss er zum ersten Mal den Reservekanister anzapfen. Mittlerweile sind wir wirklich auf offenem Ozean, und hinter uns sehen wir schon lange nicht mehr unsere Insel Bunaken. Man erkennt am Horizont noch die Umrisse der Vulkaninsel Manadotua. Er hat uns definitiv nicht so viel versprochen mit seiner Einschätzung zur Entfernung. Sprit alle. Aber er hat seine Tochter dabei, er wird schon wissen, was er tut. Tut er doch, oder?
Die gute Nachricht ist, dass der Ozean heute spiegelglatt ist. Wir können mit dem kleinen Longboat problemlos auf die offene See, ohne dass es allzu sehr wackelt. Wir sehen ewig weit! Bis zum Horizont glatte Meeresoberfläche. Leider können wir keine Rückenflossen erkennen. Meine Frau bekommt erste Zweifel – gut, das heißt nichts. Möglicherweise haben wir jetzt unsere Delfin Tour eingetauscht gegen eine dreistündige Bootsfahrt auf offener See. Bastian telefoniert noch einige Male. Boote haben wir schon lange keine mehr gesehen. Wenigstens funktioniert sein lahmarschiger Motor zuverlässig. Bei so ziemlich jedem anderen Bootsausflug ist ein Motor abgeraucht.
Und dann erkennen wir endlich, ganz weit entfernt am Horizont, ein weiteres Boot. Bastian sagt uns, dass sei sein Freund. Bereits halb eingeschläfert schießt wieder die Aufregung durch meine alten Knochen! Geilo, vielleicht sind die Wale noch da! Jetzt, fast zwei Stunden später! Wo sollen sie auch hin? Die wohnen ja hier, rede ich mir Hoffnung zu! Auf, los geht’s! Lass deinen Zweitakter glühen! Das Ziel ist zum Greifen nah! Enthusiastisch drehe ich mich nach hinten zu Bastian! Er schaut mich liebevoll an, streichelt seiner Tochter über den Kopf, die neben ihm auf dem Sitz liegt, und… es passiert wieder nicht besonders viel. Wir tuckern in der gleichen lahmarschigen Gemütlichkeit weiter, wie die zwei Stunden davor auch. Ich muss irgendwie daran arbeiten, mit meiner überschüssigen Begeisterung hauszuhalten. Die kann hier nirgends abfließen. In die eine Richtung guckt mich ein unglaublich liebes Vater-Tochter-Gespann an und in die anderen Richtung ist Maila bereits halb auf Miri eingeschlafen. Ich jubiliere innerlich so ein kurzes bescheidenes und wirklich unmotiviertes „Yeahjuhuui“ lautlos in die Luft.
Wir nähern uns einem gänzlich unerwarteten Traum
Noch mindestens eine halbe Stunde eiern wir ziemlich orientierungslos kreuz und quer auf offener See. Miri fragt noch, an was er sich wohl orientieren mag. Ich frage mich schon lange nichts mehr. Aber die ganze Zeit muss ich darüber nachdenken, wie geil es wäre, wenn wir jetzt tatsächlich Pottwale finden würden! Ich spring da direkt rein.
Oder? Keine Ahnung ehrlich gesagt, ob man mit Pottwale einfach so schwimmen kann. Die sind ja noch großer als Buckelwale und können bis zu 18 Meter lang werden. Außerdem sind Pottwale ja nicht so Müsli-Esser wie Buckelwale. Sondern mehr so Typ Männersteak. Neben den Orcas sind sie die Fressmaschinen der Weltmeere. Tauchen bis zu 3000 Meter tief, fressen Haie, Rochen und Kolosskalmare. Die Kolosskalmare sorgen bei ihrem aussichtslosen Überlebenskampf im Übrigen auch für die vielen Schrammen auf der Pottwalhaut. Wir sehen jetzt weder aus wie Haie, noch wie Rochen. Aber sieht das der Pottwal denn auch so? Schwimmen darf man mit diesen Riesensäugern jedenfalls nirgends auf der Welt, soweit ich weiß. Zumindest ist es mir nicht bekannt, dass es irgendwo erlaubt wäre. Das finde ich auch weiterhin gut so, solange ich die Ausnahme bleibe.
Das ist jetzt ein Luxus, den ich mir gönne!
Und da sind sie plötzlich!
Wir nähern uns dem anderen Boot. Und tatsächlich!!!! Etwa 10 m vor dem Boot sehen wir drei Rückenflossen. Zwei sehr große und eine kleine. Das könnte ein Baby sein!!!! Oh Gott, wie geil ist das denn bitte?!?
Es kommt, wie ich es geahnt hatte. Im Autopilot Modus ziehe ich hektisch, alles an, was grad in meiner Nähe liegt. Schnorchelmaske auf, Kamera-Settings gecheckt und auf die Bootskante gesessen. Oh Gott, oh Gott, oh Gott, oh Gott! Ich drehe mich um und sehe, wie sich die Mädels auch fertig machen. Ich bin im Jagdfieber! Ich sage allerdings den Mädels, dass sie kurz warten sollen und ich als erstes ins Wasser gehe, um zu schauen, wie sich die Tiere verhalten. Es ist soweit. Ich springe rein. Vollgesaugt mit Adrenalin, schwimme ich relativ zügig auf die Tiere zu und sehe noch, wie die beiden großen erwachsenen Tiere in die Tiefe abtauchen. Das kleine, das alles andere als klein ist, bleibt an der Oberfläche. Es schaut mich direkt an! Und vor lauter Aufregung hab ich gar nicht bemerkt, dass ich schon ganz nah dran bin! Höchstens noch 6 Meter entfernt. Das Wasser ist voll mit kleinen Schwebeteilchen. Man kann erst so die letzten 8 Meter vor sich klar sehen. Ich kann es kaum fassen, aber der kleine Pottwal dreht sich einmal um die eigene Achse und schwimmt dann direkt auf mich zu! Okay, darauf bin ich nicht vorbereitet!! Er öffnet sein Maul und ich sehe seine ziemlich beeindruckenden Beißerchen vollkommen klar! Und während ich in Schockstarre so vor mich hinschaue, wird mir klar, dass der Kleine höchstens noch zwei Meter vor mir ist! Scheiße, ist er nah!!! Ob dem wohl seine Mama schon beigebracht hat, dass Pottwale keine Menschen essen??? Und weiß er, dass er keine Babykatze ist und zum Spielen sein Spielzeug nicht beißt??? In kleinem Alarmmodus drehe ich mich auf der Oberfläche nach hinten und rufe meinen Mädels zu, dass sie zusammen bleiben sollen.
Ich schau wieder unter Wasser. Der Kleine dreht sich in diesem Moment auf die Seite und schwimmt an mir vorbei. Und wieder einer dieser magischen Momente! Ich kann ihm genau in sein Auge schauen und er schaut in meines!!! Oh Gott, ist das großartig! Davon kann ich nie genug bekommen!!! Dummerweise ist das jetzt ein Moment, den ich tatsächlich nicht auf Foto habe. Ich war wirklich viel zu aufgeregt und auch einen kurzen Moment verunsichert, ob der „Kleine“ mich jetzt beißt. Er dreht noch eine weitere Runde und gibt mir eine zweite Chance auf ein paar Fotos. Leider kommt er nicht mehr ganz so nah. Vielleicht ist das aber auch gut so!?
Dann taucht er ab. Ich glaube nicht besonders weit, aber weit genug, dass wir nicht mehr sehen. Miri und Maila konnten das Ganze aus etwas sicherer Entfernung sehr gut beobachten. Wow, wow, wow!!! Wie soll ich das nur besser beschreiben?


Da buchen wir eine „gemütliche“ Delfintour, was ja alleine schon außergewöhnlich gewesen wäre, und wir enden bei einem gemeinsamen Bad mit Pottwalen! Unfassbar! Das war Glück, Fügung, ein Anruf eines Freundes, die Intuition unseres Kapitäns und am Ende ein bisschen Mut der Freyseles. Und alles zusammen genommen ergibt das hier! Kein Wort, um es treffend zu beschreiben. Einer dieser magischen Momente im Leben, wo alles zusammenkommt – ganz für uns. Vielen Dank liebes Leben! Wir umarmen dich!

Zurück von hoher See
Gegen 14 Uhr sind wir zurück. Vermutlich mit den letzten Tropfen Sprit. Was ein unglaublicher Trip! Auch Bastian freut sich, dass seine Tochter das miterleben konnte. Am Ende sind sie und Maila bestimmt 20 Mal vom Boot ins Meer gesprungen und haben um die Wette gelacht. Was macht man jetzt? Erst mal essen, findet Miri. Danach packen wir unsere sieben Sachen und verabschieden uns von unserem Homestay 3WILL. War schön hier. Für die letzte Nacht ziehen wir nochmal in eine günstigere Unterkunft mit Pool um. Für Maili. Und unser Boot für die Abreise morgen ankert direkt davor. Es ist das PS Dive Resort. Schaut sauteuer aus, ist aber eigentlich recht günstig.
Party, laut, laaaaaaauuuuuuut!
Da wir nun direkt am Rande des Dorfs sind, hören wir die saulaute Schlagermusik aus wirklich allen Richtungen. Selbst vom Meer hallt es manchmal zurück – wie auch immer das physikalisch möglich ist?! Da tönt aus einem Riesenturm aus Lautsprechern Reggaeton, direkt nebendran beim Nachbarn ne Liveband mit Drums und nochmal 4 Meter weiter die Karaoke-Garten-Party. Dann fängt es wieder von vorne an mit nem Discoturm. Das ist so laut, dass ich mir sicher bin, dass damit zumindest für heute alle Schildkröten vertrieben sein dürften. Maila und ich laufen durch‘s Dorf und schauen uns das Spektakel an. Wir können uns eigentlich den ganzen Weg über nicht unterhalten, so laut ist es. Aber witzig. Und es gibt überall Essen in Massen. Die Tische stehen vorne zu den schmalen Gassen hin aufgebaut und man kann sich einfach bedienen. Ja, man wird regelrecht aufgefordert Platz zu nehmen. Das ist alles sehr herzlich. Maila ist’s zu viel. Wir gehen zurück an unseren Strand und bauen eine Muschelburg, während hinter uns die Sonne untergeht.
Spanding
Nach dem Duschen gehen wir alle gemeinsam noch einmal ins Dorf. Aber quasi nur zum Nachbarn. Dort ist ein großes Buffet aufgebaut. Wir bekommen Teller gereicht und schleichen bei lauter Karaokemusik um die Pfannen und Töpfe. Ich bleibe defensiv und nehme zwei geschälte Kartoffeln. Ich hoffe es sind Kartoffeln. Man kann hier vieles nicht so genau definieren. Und es ist zu laut um nachzufragen. Ein Fisch! Gut, das erkenne ich und nehme ein Stück. Ist ein großer Fisch und er sieht lecker aus. War auch lange genug auf dem Grill. Ich habe wirklich keine Lust auf eine erneute Magenparty vor unserer Rückreise. Ich gebe Miri auch ein Stück. Die war aber mutiger und hat noch irgendwas Gulaschiges genommen. Ich schleiche weiter und sehe ein Span… ein Span… ein… was ist das denn?? Ich erkenne ein Spanferkel, aber davor liegt ein Spanding, das ausschaut wie ein Hund! Ich schau mir das Ganze von der Nähe an und … es ist definitiv ein Hundeskopf. Dreh mich um – gut, Maila schaut in die andere Richtung! Ich mach schnell ein Foto! Bin schließlich grad Reiseblogger! Wie sagt man denn dazu? Spanhundl? Okay. Ich verstehe jetzt alle Hundebesitzer, die das gar nicht witzig finden! Wirklich! Aber ein Babyschwein so richtig stolz maskulin zu grillen ist auch nicht mehr oder weniger witzig. Auch ein Babylamm oder ein Babykalb oder eine Babyziege – alles gleich wenig witzig, wenn man mal kurz neutral drüber nachdenkt. Ich esse also ein Stück vom Spanhundl. Nein. Hab ich nicht. Okay, hab echt kurz drüber nachgedacht. Aber der Kopf kuckt mich etwas abstoßend an, da verging mir die Neugier. Auch das Schweinchen sah unglücklich aus. Also nage ich den Rest des Abends an meinen kalten Kartoffeln rum und genieße totgegrillten Fisch. Alles im Namen der Moral und der gesunden Magen-Darm-Flora. Doch halt! Was sage ich? Moral? Ich esse Fisch! Einen Mama-Fisch möglicherweise! Ist das denn in Ordnung? Wer hat denn die Regeln aufgestellt, frage ich mich? Und kann man den oder die mal fragen, nach welchen Kriterien der moralische Maßstab angelegt wurde? Ups! Bis ich es fertiggedacht habe, ist das Stück Mama-Fisch schon weg. Gegessen. Hab’s aufgegessen, die Mama!! Hätte jetzt auch der Spanhundl sein können. Egal. Dann nage ich jetzt noch moralisch überlegen meine kalte Kartoffel fertig.
Nach dem lokalen Festmahl ziehen wir ein paar Strandhütten weiter. Dort sitzt einer mit Gitarre. Wir trinken noch ein Bier. Erst unser insgesamt drittes Bier in diesem Urlaub. Zwei haben wir geteilt, eins hab ich alleine getrunken vor ein paar Tagen. Maila ist steinchenmüde und kann die Augen kaum noch offen halten. Also walte ich meines Amtes und trage die Brut zurück ins Nest. Sie ist grad gute zehn Kilo leichter, weil sie ja außer Reis kaum was isst. Trägt sich leicht, das arme Kind! Wird Zeit, dass wir mal nen normalen Urlaub machen! Irgendwo, wo es Spätzle mit Soß gibt. Nein Mutti, sie ist keine 10 Kilo leichter. Der Rest stimmt.
Theorie der letzten Male
Und während ich sie also auf den Armen heimtrage und sie sich wie ein Äffchen an mich klammert, frage ich mich wie oft ich das wohl noch machen darf – und kann. Es gibt da ja diese Theorie der letzten Male. Meist verpasst man diese, weil sie einem in diesem Moment gar nicht bewusst sind. Oder sein können. Das ist – wie ich finde – ein schöner Gedanke. Man sollte öfter darüber nachdenken. Genauso wie ich versucht habe so viele erste Momente von Maila einzufangen, so denke ich auch immer wieder über die Letzten nach. Zum Beispiel das letzte Mal Füttern oder Windeln wechseln. Das letzte Mal bei uns im Bett oder Zähnchen putzen. Das letzte Mal zur Schule begleiten oder eben – das letzte Mal auf Papas Armen heimgetragen werden. Ich drücke sie ganz fest an mich und erzähle ihr, was ich gerade denke. Sie streichelt mich am Nacken. Das ist schön. So eine Art von schön, bei der einem so ein bißchen der Gaumen anfängt zu flattern. Kein Weinen, keine Träne, kein Traurigsein, nur so ein bisschen gerührt sein. Von der Tochter auf dem Arm einmal verrührt worden, denke ich mir ein paar Wortspiele aus, um mein Gerührtsein schnell zu überspielen. Ist noch nicht das letzte Mal, denke ich mir. So lange sie so wenig isst, kann ich sie auch noch in 10 Jahren tragen, denke ich jetzt, um mich beim Schreiben dieser Zeilen ein zweites Mal von aufkommender Gerührtheit zu befreien.
Marc, Miri, Maila und die Wale










One comment
So schön……