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Day 17 | Zurück mit dem indonesischen Frachtschiff

Jetzt in der Nebensaison fährt die Personenfähre nur einmal in der Woche, und das auch nur, wenn das Wetter es zulässt. Daher haben wir uns vorher schlau gemacht, ob es eine Alternative gibt schon etwas früher wieder zurückzukommen. Und die gibt es. Allerdings fährt man dann nicht mit der normalen Fähre, sondern mit einem Frachtschiff. Die haben wohl ein paar Plätze, inklusive Kabinen, die an normale Fahrgäste verkauft werden. Das haben wir unser Homestay organisieren lassen und fahren daher heute mit einem Frachtschiff zurück. Das finde ich witzig… … … … noch… … …

Frachtschiff des Todes

Okay, eins möchte ich direkt zu Beginn klarstellen: das war sicherlich der wildeste Ritt und eine der grenzwertigsten Situationen, in der wir auf unseren Reisen bisher regelrecht festgesteckt sind! Ein Kompliment an meine beiden Mädels, wie taff sie das überstanden haben.
Fangen wir vorne an. Das riesige Frachtschiff konnte nicht an dem Spielzeughafen anlegen, ganz wie vermutet. Dafür ist auch einfach das Wasser hier viel zu seicht. Und dieses Schiff würde ganz bestimmt den kompletten kleinen Holzanleger wegreißen, sobald es nur ein bisschen weg treibt. Also schwimmt diese riesige Klotz etwa 200 m vor dem Miniatur Dorf mitten in der Bucht. Auf das Schiff kommt man also nur, in dem man mit diesen kleinen Fischerbooten an die Seite fährt und im Wellengang versucht irgendwie im richtigen Moment zwischen Wellenberg und Wellental festzumachen. Eine kleine Leiter aus Stahl geht runter ungefähr auf Meereshöhe aber nicht ganz. D.h. man muss schon noch ein kleines Stück hoch klettern um die Treppen zu erreichen. Wir kommen also an dem Ding an. Es wackelt alles und man hat so alle 2-3 Sekunden, ein kurzes Zeitfenster, in dem man mit einem Schritt auf die tiefste Stufe rüber kommen könnte. Aber es ist wirklich tricky und ich halte Maila an der Hand fest. Die Leute sind nett und helfen uns mit einem beherzten Griff am Arm rüber. Ich schicke Maila die Treppen hoch und direkt ins Schiff rein, damit sie mir nicht runterfällt. Das ist echt ein ziemlich großes Schiff und wir steigen einige Treppen hoch, um überhaupt zum unteren Eingang zu kommen. Das Ganze natürlich bestens abgesichert nach indonesischen Sicherheitsvorkehrungen. Also keine.

Unsere Eco-Class Confort-Kabine

Wir quetschen uns durch die engen und stickigen Gänge mit unserem Gepäck und warten auf unseren Host, der die Kabinentickets für uns organisiert hat. Der findet sich in diesem Labyrinth aus unfassbar vielen Menschen, die in den Gängen rumstehen, wohl besser zurecht. Wir kommen in ein kleines Abteil und uns werden unsere Kabinen gezeigt. In der Upperclass, nicht dort wo sich die armen Leute rumdrücken und alles derb stinkt – denke ich… … … … noch.

Der erste Eindruck super! Größer als auf der Personen Fähre und klimatisiert. Wir drücken uns rein und legen unser Zeug ab, inspizieren das Bad. Und ab jetzt unterbietet sich wirklich im 5 Minuten Takt jedes vorherige Level. Maila entdeckt ein paar Kakerlaken auf dem Boden. Gott sei Dank sind sie nicht allzu groß. Ich nehme meinen Schlapper (die heute noch eine sehr große Rolle spielen werden) und klatsch direkt mal zwei kaputt. Die Dinger sind zäh. Ein beherzter Schlag reicht nicht aus. Man muss schon zwei dreimal drauf schlagen – sehr beherzt!!!

Problem Bad

Es wird noch besser. Miri und Maila kommen aus dem Bad. Nun werde ich erfahren, wie schlimm die Zustände in einem der Bad wirklich sein können. Ich versuche erst gar nicht, es zu beschreiben und lasse die Bilder für sich sprechen.

Okay, dieses Problem können wir lösen, indem wir einfach nicht aufs Klo gehen bis morgen früh. Besonders lange hält meine gute Laune zum bösen Spiel allerdings nicht.

Probleeeeeeeeeeem!!!

Wir inspirieren die Matratze. Ich hebe sie an. Und Oooooooooooooh meeeeeeeeeeeiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin Gooooooooooooooooott! Ich mache sie schnell wieder runter, bevor Miri und Maila hinschauen können. Da wuseln mindestens 30-40 Kakerlaken in nur einer Ecke. Mindestens!!! (Es wird sich im Laufe des Abend noch herausstellen, dass diese Zahl lächerlich untertrieben ist! Lächerlich!!!!! Es fehlte eine Null!)
Ich hole tief Luft und überlege mir eine Überlebens-Strategie. Die Italiener klopfen an unserer Tür und fragen wie es denn bei uns aussähe? Sie meinen, wir sollen mal ihre Kabine angucken. Das sei ziemlich eklig und sie hätten ein paar Kakerlaken. Wir gehen rüber und schauen ihre Kabine an. Okay auch eklig. Das Bad! Siehe Bild oben… deren Kakerlaken sind sogar noch größer. So groß wie ein Daumen etwa. Während die Mädels sich mit den Italienern unterhalten, gehe ich schnell zurück in unsere Kabine und beginne damit, zu einer Massenvernichtungswaffe zu werden. Bewaffnet mit meinem rechten Flipflop, schlage ich auf alles, was zuckt. Und glaubt mir, ich schlage mindestens 15 Minuten wie wild auf der Holzunterlage herum. Irgendwann nachdem ich ungefähr 100 Kakerlaken platt geklatscht habe, bin ich leicht erschöpft und mach ne Pause. Die Tür geht auf Miri und Maila kommen herein und schauen mich etwas fragend an. Ich bin wirklich außer Atem und schwitze schon ein bisschen. Und ich habe gerade 100 Leben zerstört. Ich versuche im ruhigen, sachlichen Tönen zu erklären, dass ich Ihnen ein akzeptables Schlafplätzchen einrichten werde. Ja, das werde ich! Dafür werde ich aber noch etwa 30 Minuten brauchen. Ich schicke sie also wieder raus und verspreche, dass ich mein Bestes geben werde diese Kabine von jeglichen Kakerlaken zu befreien.

Massenvernichtung.

Die Mädels gehen raus und ich klopfe um mein Leben. Ich habe getötet wie ein Irrer! Es waren am Ende etwa 200 Kakerlaken, die ich zu platt geklatscht habe.

Und jetzt an dieser Stelle mal ein paar ehrliche Worte: das war selbst für mich, und ich liebe Abenteuer, bereits der dunkelorangene bis hellrote Bereich. Das war wirklich so eklig, dass mir die richtigen Worte dafür fehlen. Egal, wie dieser Tag zu Ende geht und egal, wie wir diese Nacht überstehen werden, morgen trinke ich mein erstes Bier im Urlaub! Ich bin mir sicher, Mirjam trinkt eins mit. Vielleicht trinkt auch Maila eins mit. Alter, ist das ein Brett!
Nachdem es wenigstens nicht mehr überall wuselte, helfen mir die Mädels ein klein wenig. Miri packt alle Kissen in einen Schrank und bezieht eines der oberen Stockbetten, das ich ziemlich akribisch von allen Kakerlaken befreit habe, mit einem Schutzüberzug. Dort schlafen die Mädels. Und Maila kann jetzt da hoch sitzen.
Miri geht noch mal raus. Ich klopfe noch mal weiter. Maila sucht die Kakerlaken aus, dich als Nächstes erklopfen soll. So ein Vater-Tochter-Ding zwischen.

Problemchen im Vergleich zu allem anderen

Nächstes Level. Die Tür geht auf Mirjam kommt mit der italienischen Familie herein. Die haben mitbekommen, dass ich mit der Säuberungsaktion begonnen habe und finden ihre eigene Kabine so eklig, dass Miri sie kurzerhand zu uns eingeladen hat!? Meine Frau. Nicht, dass ich nicht auch hilfsbereit wäre und ein gewisses Level eine Empathie hätte. Aber meine Frau toppt wirklich alles. Da schmeiß ich mich ins Zeug und geb wirklich alles, um diese Situation für MEINE Familie ertragbar zu machen und die lädt einfach die italienische Familie zu uns ein. Wir haben hier zwei Stockbetten und die italienische Familie hat zwei Kinder. Nachher schlafen wir noch draußen und die bei uns im gesäuberten Raum.
Naja. Was soll ich sagen? Auch vollends egal. Also schleppen die Italiener ihr ganzes Gepäck zu uns in die Kabine rein. Sie fragen noch, ob es in Ordnung ist. Naja. Was soll ich sagen? Ich klopfe derweil weiter, denn aus den Ecken krabbeln immer wieder neue Kakerlaken raus. Und ganz ehrlich, es müssten mittlerweile um 250 sein, die ich erschlagen habe. Kein Witz! Wirklich!!

Problem mit der Ankunftszeit

So. Ich gönne mir eine kleine Pause von der Front und überlasse allen den schon ziemlich gesäuberten Raum. Ich gehe aufs Vorderdeck und schnaufe ein bisschen durch. Das wird schon, denke ich mir. Zumindest habe ich mich wirklich bemüht, es allen recht zu machen.

So, und wenn man denkt, es kann nicht schlimmer werden… Eben habe ich erfahren, dass unsere Fähre nicht morgens um sechs oder sieben ankommt, wie eigentlich angekündigt. Sondern heute Nacht um drei! Heute Nacht um Scheiß drei! Wollt ihr mich verarschen? Was soll ich denn um drei mit meiner Familie am Hafen dieses Molochs Sorong? Und nicht nur das, wir haben auch ein Speedboat organisiert, dass uns direkt zu unserem Homestay bringt, um nicht noch länger rumhängen zu müssen und möglichst schnell anzukommen. Der wartet auf uns um 7:30 Uhr. Wir sind ja davon ausgegangen, dass wir irgendwann zwischen sechs und sieben ankommen. Was ein Rotz!

Problem, aber kein so richtiges

Während ich so an der nun verschlossenen Luke stehe und denke, fängt der Muezzin an in einer Höllenlautstärke aus den Lautsprechern zu trällern. Wow, denke ich, manchmal – und entschuldigt bitte den Ausdruck – fickt einen das Leben wirklich so richtig fies mit hämischem Grinsen. Ich gehe also zurück in die Kabine und…

Wasser aus dem Licht, Problem?

Ihr erinnert euch, dass ich vorher gesagt habe, dass im 5 Minuten Takt alles immer noch viel schlimmer wurde? Miri schaut mich an, hat ein Kissen in der Hand und versucht, Wasser aufzufangen. Was ist denn hier los? Ach, nicht so schlimm, es läuft Wasser aus der Halogen-Lampe über uns. Es läuft Wasser aus dem Licht! Wie zur Hölle kann denn bitte Wasser aus dem Deckenlicht rauslaufen? Wollt ihr mich verarschen? Ach, das hab ich grad schon gesagt, richtig? Ehrlich gesagt hab ich nur noch gegrinst. Glücklicherweise auch die anderen. Die haben sich vorher schon schlapp gelacht und mich dabei gefilmt, wie ich die Kakerlaken kaputt schlage. Schon okay, aber es wäre auch schön gewesen, wenn jemand mitgemacht hätte oder mal Danke gesagt hätte. Es war keine angenehme Freizeittätigkeit Ich hab jetzt schließlich für beide Familien für einen akzeptablen Schlafraum gesorgt. Also gut nächstes Problem lösen. Ich habe vorher das kleine Kabinen Fenster geöffnet. So eine kleine Metallluke. Da in der Kabine eine Klimaanlage läuft, könnte es Kondenswasser sein. Nie und Nimmer sollte das sich allerdings in der Nähe von einem Licht sammeln. Aber gut, wir sind auf einer indonesischen Fähre, in der überall Rauchverbot herrscht. Und ganz viele, ganz viele, also wirklich sehr viele rote Aufkleber an der Wand erklären einem, dass man nicht rauchen darf. Selbstverständlich stehen überall welche mit Kippen in der Hand herum. Möglicherweise, und nur möglicherweise, hat es damit etwas zu tun, dass die indonesischen Fähren ständig absaufen oder verbrennen. Okay, egal zurück zum Wasser, das aus unserem Decken Licht fließt. Das ist also wohl so, auf indonesischen Schiffen. Ich drück dran rum. Bekomme einen ordentlich Wasser Schwall ab. Zum Glück wirklich nur Wasser, glaube ich. Mirjam sitzt unten und versucht es mit den Kopfkissen abzufangen. Ich schließe das Fenster in der Hoffnung, dass es damit zu tun hat, und drückt noch eine Zeit lang an der Deckenverkleidung herum bis das meiste Wasser raus ist. Ein paar Minuten später sollte sich herausstellen, dass das Problem eventuell damit gelöst ist. Fürs erste.

Während ich mit dem Wasser beschäftigt war, habe ich auch zwischendurch noch einhändig ein paar einzelne Kakerlaken kaputt geklatscht, die mir freundlicherweise nun auch noch von den beiden italienischen Kindern immer angezeigt werden.

Fame for a minute

So, jetzt hab ich genug und laufe ein paar Meter durch die Gänge, um mich abzulenken. Da sitzen drei Jungs mit einer ziemlich zerschrotteten Gitarre mit nur 5 Saiten. Ich stell mich zu Ihnen und höre ein bisschen zu. Wir fangen an, ein klein wenig zu plaudern. Natürlich nur sehr basic. Ihre Englisch-Skills sind begrenzt auf 3-4 Worte. Irgendwann drückt er mir die Gitarre in die Hand. Normalerweise mag ich sowas ja nicht, aber nachdem was ich eben alles schon erlebt habe, dachte ich scheiß drauf. Ich hab also ein paar Takte gespielt und das Deck unterhalten. Die Jungs waren begeistert. Und für ein paar Sekunden fühle ich mich wie ein kleiner Star auf dem Zwischendeck-Flur eines indonesischen Frachtschiffs. Jeder fängt mal klein an, nicht wahr?

Miri stand irgendwann hinter mir und hat ein bisschen mitgefilmt. Dann hat sie den Jungs ihr indonesisches Lieblingslied vorgespielt, dass sie auf dem Handy aufgenommen hatte – vor zehn Jahren, als wir auf den Togian Islands waren. Die Jungs kennen den Song und stimmen ihn an. Die Akkord Folge war nicht gleich klar, aber sie arbeiten sich Stück für Stück an den Song heran. Am Ende klingt es so, wie Miri es in Erinnerung hatte. Ein kleiner, schöner erhellender Moment auf diesem – und ja, wir können ihn so nennen – Horrorfrachter.

Seekrank! Ach komm, gibt grad schlimmere Probleme, oder?

Mittlerweile sind wir auf See bei beachtlichem Wellengang, den man selbst auf diesem sehr großen Frachter deutlich spürt. Matteo törggelt an mir vorbei. Er schaut nicht mehr ganz so strahlend aus, wie ich ihn in den letzten Tagen kennen gelernt habe. Ihm ist schlecht. Jetzt schon? Nicht auch noch das. Der wird doch nicht die ganze Nacht auf diesem super ekligen Klo verbringen.

Wow, das hier ist wirklich so wild, dass es mir nicht gelingen wird es auch nur im Ansatz so zu beschreiben, wie es sich hier anfühlt und zugetragen hat. Das ist jetzt wieder einer dieser Momente, die ihr euch gerne auch von Miri erzählen lassen dürft, sollte es euch interessieren, wie schlimm es wirklich war. Es war wirklich schlimm. Und während ich das schreibe, ist es leider noch gar nicht vorbei. Wir fahren erst seit ungefähr einer Stunde und es wackelt echt übel. Manchmal hört man die Wellen so heftig gegen den Stahlkoloss donnern, dass ich mir für ein paar Sekunden überlege, wann der wohl zuletzt gewartet wurde. Und dann denke ich, dass ich nicht darüber nachdenken sollte.

Jetzt muss ich aufhören zu tippen, denn mir wird’s jetzt auch schon leicht schlecht. Vielleicht verbringe ich diese Nacht ja neben Matteo über diesem kleinen Waschbecken und wir ergeben uns beide in die Brühe, bestehend aus, was auch immer mit drei großen Kakerlaken-Kadavern drin. Das ist so drüber und eklig, dass ich wirklich drüber lachen muss.

Fazit

Oh mein Gott, Miri wird mir das noch Jahre vorhalten! Und ganz ehrlich, zu Recht! Aber dass es so widerlich wird konnte wirklich keiner ahnen! Man sagte uns, der Frachter hätte größere Kabinen, es sei komfortabler. Sagte man uns.

Zum Schluss die gute Nachricht: wir sind in Indonesien. Und gelernt haben wir, dass die hier so pünktlich sind, wie die Deutsche Bahn. Wir kommen also um 7 Uhr an. Um 7 statt um 3!!! Und das ist gut so, denn unser Speedboat wartet schon auf uns am Pier. Ich muss noch Bargeld holen am ATM, der fussläufig 500m entfernt ist und freue mich auf die „frische“ Luft am Hafen (war sie nicht!) und ein paar Meter laufen ohne in die zahllosen Kakerlaken-Kadaver zu treten. Ich schleife mit meinem rechten FlipFlop bei jedem Schritt über den Asphalt in der Hoffnung, dass die ganze Todessuppe da unten entfernt wird. Was eine Nacht. We are heroes!

Mörder-Murg und die Überlebenden

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2 comments

  1. Irgendwas zwischen Mitleid, Kopfschütteln und Totlachen!
    Oh Freyseles!

  2. Zum Glück gab es einen 💖 Morgen und dann frische Luft auf dem Speedboot… 💝