Familientradition
Ich entspringe einer Familie, die schon seit Jahrtausenden Quallen magisch anzieht. Ich glaube, es gab in den letzten Jahren nicht einen einzigen Sommer, in dem meine Mutti nicht böse von einer Qualle zugerichtet worden wäre. Meine Eltern gehen ja schon seit vielen Jahren nach Cervo an der ligurischen Küste. Dort hab ich die Hälfte meiner Jugend im Sommer verbracht. Daher weiß ich sehr wohl, dass es dort diese kleinen Feuerquallen gibt. Aber man muss schon echt gut danach suchen. Sehr gut. Es gab in den vergangenen 20 Jahren eine Handvoll Tage, an denen wirklich viele davon im Wasser waren und man besser nicht reinging. Aber in den letzten Jahren habe ich persönlich keine mehr gesehen. Und ich bin dort quasi immer mit Taucherbrille im Wasser. Dennoch hat meine Mutter das Wunder fertig gebracht, jedes Jahr eine zu finden, nicht mit den Augen, sondern mit den Beinen und Armen und so. Sie ist sehr gut im Quallen finden mit Beinen. Und sie ist auch sehr gut darin, sich besonders schlimm an den Quallen zu verletzen. Meine Mutter mag die Quallen so gerne, dass sie wirklich richtig böse Brandblasen davon trägt. Sie erleidet Quallen. So schlimm, dass sie eigentlich jedes Mal zum Arzt muss und es mehrere Monate dauert bis die schweren Verbrennungen abheilen. Und sie hat auch noch einige Narben von den letzten Begegnungen. Mich hat auch schon mal eine erwischt in Cervo, und man bekommt einen roten Streifen im Normalfall. Und er heilt üblicherweise nach ein paar Tagen wieder ab. Und das ist die Geschichte über die besondere Beziehung, die meine Familie seit Jahrhunderten zu Quallen hat. Auch schon die Mutter meiner Mutter meiner Mutter, hätten sie in Cervo Urlaub gemacht, wäre schwerst verwundet aus dem ligurischen Meer zurückgekehrt.
Und da unsere Familie schon seit Jahrhunderten diese sehr besondere Beziehung zu Quallen pflegt, war es nun an der Zeit meine Tochter in diese einzigartige Familientradition heranzuführen. Wir sind also zu einem Quallensee gefahren, also ein See, der wirklich voller Quallen ist, und ich hab da meine ganze Familie reingeschmissen. Ich hielt das für eine gute Idee.
Jelly Fish Lake

Mein Lieblingsfoto von heute. Unterhalb der Qualle direkt durch die ruhige Wasseroberfläche mit Blende 10, leicht unterbelichtet, damit man den Himmel sieht
Wir waren mal wieder ganz alleine auf dem Meer unterwegs. Und entgegen der wirklich schlimmen Wettervorhersage von letzter Woche, scheint die Sonne, es weht höchstens ein gemütliches Lüftchen und vor allem sind die Wellen kaum höher als einen halben Meter. Eher weniger. Wir nähern uns also einem dieser Millionen von Karststeinfelsen und fahren drum herum. Und siehe da, es öffnet sich der Sesam und wir schippern durch eine kleine Passage in seichtem, türkisenem Wasser einem kleinen Anleger entgegen. Ein paar wacklige Treppen führen über einen Felsvorsprung, ein paar Stufen den Berg hoch und wir sehen eine im Inneren der Karststeinberge verborgene dunkelblau leuchtende Lagune. Was die Natur sich alles einfallen lässt! Spektakulär. Und bevor man zur Lagune kommt, führt noch ein wackliger Holzsteg um einen zweiten flachen Tümpel herum, in dem vier Schwarzflossen-Haie ihre Bahnen ziehen. Sind aber noch Babys, falls wir durch die Bretter krachen sollten.
So, wer testet jetzt als Erster ob die Quallen auch wirklich nicht nesseln? Wie ich ja eben sagte, wollte ich meine Familie reinwerfen. Aber nun findet die Familie, dass ich als Erster da rein gehöre. Mir wird langsam klar, dass ich Witze mache und meine Frau macht keine Witze. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, was moralischer ist.
Sind nesseln nicht! Zumindest nicht mich. Unser Nachbar Matteo hatte später am Rücken durchaus ein paar rote Striemen. Aber da waren auch mehrere unterschiedliche Quallen-Sorten im Teich. Es gab auch ganz durchsichtige. Egal.
Je näher man in die Lagunenmitte geschwommen ist, desto mehr Quallen haben einen umgeben. Manchmal sind die Dinger dir auch von hinten an den Kopf geschwommen. Klar, die haben ja auch keine Augen im Kopf, den sie auch nicht haben. Was haben die überhaupt? Die Dinger hier haben ja nicht mal Tentakeln und Nesseln. Wenigstens hängen sie nicht kopfüber rum, wie ihre armen Verwandten damals auf den Togian Islands.
Ich schieße wieder inflationär viele Fotos mit der großen Unterwasserkamera. Wir sind in Indonesien und die vielen Millionen IDR führen regelrecht zum inflationären Denken. Ich glaube ich habe auch schon vor Tagen den Überblick über unsere Urlaubskasse verloren.
Mit dem großen Domeport meines Unterwassergehäuses kann man super mit der Wasserlinie spielen. Je nach Winkel bekommt man tolle Reflektionen an der Wasseroberfläche hin. Das sieht dann aus, als wäre die Wasseroberfläche ein Spiegel, der nach unten reflektiert. Auf dem mittleren Bild ist tatsächlich nur eine Qualle, die sich oben an der kaum sichtbaren Wasserlinie bricht und eine Herzform bildet. Was hier so easy aussieht in der Galerie, benötigte in Wahrheit 30 Anläufe pro Foto. Entweder sind mir die Quallen ausm Fokus geschwommen. Oder ich bin beim Versuch möglichst still zu halten abgesoffen, bevor ich den Auslöser betätigen konnte. Oder irgendjemand hat hinter mir Wellen gemacht und die Wasserlinie gebrochen. Und wenn dann alles mal gepasst hat, hat sich eine Wolke vor die Sonne geschoben und das Wasser schlagartig abgedunkelt. Aber wenn dann alles gepasst hat, kamen solch wunderschöne Momente zustande.











Haiverseuchte Gewässer
Auf dem Rückweg wade ich noch unter den staunenden Blicken der italienischen Familie durch den Hai-verseuchten Tümpel und versuche unter Wasser Fotos von den Black Tip Haien zu machen. Meine Familie beeindruckt das schon lange nicht mehr. Die sind genervt, wenn sie zu lange auf mich warten müssen.
Die Haie haben keinen Bock auf Fame und drehen ihre Runden prinzipiell genau dort, wo ich grad nicht lauere. Also gebe ich auf und wir fahren zurück zum Homestay. Hat sich defintiv gelohnt. Auch Maila fand es nach anfänglicher Zurückhaltung cool in einem Topf voller Quallen zu schwimmen. Wenn das die Oma sehen würde…
Wir trinken miesen Kopi, lungern ein bißchen auf den Holzstegen rum und schließlich ist es mir wieder langweilig. Plötzlich Aufregung! Delfine! Delfine direkt neben unserem Holzsteg. Drei Stück! Miri rennt filmend mit dem iPhone in der Hand den Steg entlang und ruft mir verzweifelt zu. Später sollte sich noch herausstellen, dass Miri nur mit dem iPhone in der Hand den Steg entlang gesprungen ist und mir verzweifelt zu gerufen hat. Also ohne das Filmen. Die plötzliche Hektik auf dem Steg und die Vibrationen haben die Delfine dann aber etwas gestört und sie sind ein paar Meter von Steh weggeschwommen. Aber vor 1 Minute waren die Delfine unglaublich nah am Steg direkt unter uns. Sollten Sie noch mal vorbeikommen, springe ich so wie ich bin ins Wasser. Das war definitiv cool!
Nachdem sich die Delfine und die Aufregung wieder gelegt haben, wurde es mir wieder langweilig. Nun schlage ich meiner Familie erneut eine Expedition in die umliegenden Gewässer vor. Direkt vor unserer Haustüre, gäbe es ein mögliches Expeditionsziel! Dort liegt die Yapap Lagune. Die ist ein Besuchermagnet höhö. Die Delfine sind da auch reingeschwommen.
Wir schnappen uns wieder ein kleines Fischerboot und paddeln in die Lagune rein. Ich ordne an, dass Mirjam nun die Kameraführung übernimmt. Sie braucht Übung. Ich gebe ihr also mein Telefon in die Hand und sie filmt, als hätte sie nie etwas anderes gemacht in ihrem Leben. Ich drücke für sie noch auf die Record Taste und die Taste für den Wechsel von Selfie-Modus auf Frontkamera. Und schon kann es losgehen. Nein, jetzt ist Miri sauer. In der Lagune hat wirklich alles gleich geklappt und sie hat das sehr gut gemacht. Hat sie nämlich!
Ein weiterer toller Tag neigt sich dem Ende entgegen. Wir finden Misool klasse.
Marc & die Freyseles






2 comments
also genau richtig entschieden…
war auch mein Favorit.
Super Fotos
Hahahah! Miri ich hoffe, du gibt’s ihm ab und an mal ne Backpfeife 😉