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Day 08 | Marc: „WoooooooooW!“

Hyperaktives Kleinkind in unserer Bucht

Heute Morgen war schon mächtig was los. Zwei junge Walkälbchen haben die Welt erkundet und sind bis in das Innenriff hereingetaucht. Wobei das der völlig falsche Begriff ist! Die beiden Walkinder sind wie bescheuert in einem fort aus dem Wasser gehüpft und haben geplantscht. Und das über eine Stunde lang. Eines der Kälbchen ist ohne Unterbrechung bestimmt 50 mal rausgehüpft, hat sich auf die Seite fallen lassen, damit es auch ordentlich platscht, ist wieder abtaucht um Anlauf zu nehmen und mit Karacho wieder raus. Und das ging so lange, bis wirklich jeder in der Lodge mit seiner Drohne Bilder und Videos von dem Spektakel gemacht hatte. Man konnte das Treiben vom Strand aus bestens verfolgen. Eines der Kälbchen war keine 100 Meter entfernt. Da ist es zwischen den Korallenbänken bereits so flach, dass die riesengroße Mama nicht hinterher schwimmen konnte.

Das Kleinen ist einfach fröhlich weiter gehüpft, als würde es sich als Kaninchen definieren. Ist ja heute alles möglich. Auf jeden Fall hatte die Buckelwal-Mama eine Engelsgeduld und hat am Ausgang des Kanals gewartet, bis das Kaninchen fertig war mit dem Gehüpfe.

Die Walmamas hatten alle Flossen voll zu tun, um ihre Kleinen wieder einzusammeln! Das war ein uriges Schauspiel! Völlig verrückt! Die arme Walmama – auf die kommt da noch was zu mit diesem hyperaktiven Jungbullen. In jedem Falle schläft er heute Nacht gut.

Waltour, die Dritte

Für mich geht es heute solo aufs Boot. Maila und Miri verabschieden mich noch am Strand, bevor es losgeht. Mit an Bord eine Gruppen junger Australier, die Kamera-Equipment im Wert von gut und gerne 100000€ dabei haben. Völlig gaga! Und ich hatte schon ein schlechtes Gewissen wegen meines Unterwassergehäuses! Einer hat ne Production-Kamera dabei (Sony FX6), die mit Gehäuse, Aku und Display die Größe  einer Sporttasche hatte. Ich wollte ihm helfen das Teil aufs Boot zu laden. Aber mit einer Hand hat man den Kübel kaum angehoben bekommen. Er musste zusätzlich noch Gewichte am Unterwassergehäuse anbringen, weil das Teil sonst zu viel Auftrieb hätte und wie ein Ballon mit dem großen Dome-Port als Boje treiben würde. ALLE anderen hatten mindestens eine Sony A7, neuste Modellreihe versteht sich, mit dem Besten an Linsen, was der Markt aktuell so hergibt. Crazy! Natürlich auch die große DJI Drohne. 

Und so drohte das kleine Boot vor lauter HiTec Equipment zu kentern noch bevor wir überhaupt ablegen konnten. Ich war sozusagen underdressed mit meinem proletarischen APS-C System. Dafür brauche ich keine Gewichte und hab den stromlinienförmigsten Haarschnitt, was mir später noch zu Gute kommen sollte bei der Agilität im Wasser.

Es ist nun also zu befürchten, dass entweder Schlägereien mit Flossenhieben um den besten Platz zum Filmen und Fotografieren ausbrechen oder aber – weil alle Mann vom Fach – eine umsichtige und fokussierte Blockbuster-Produktion auf die Wale da draußen zukommt. Ich löse das mal gleich auf: es wird glücklicherweise nicht zu Flossenschlägereien kommen. Ganz im Gegenteil. Tec-Trashtalk an Board, das selbst die Tauchlehrerin (ebenfalls mit bester Kamera im Metall-Unterwassergehäuse bewaffnet) mehrmals schmunzelnd den Kopf schüttelte. Nach ein paar Minuten entfuhr es ihr dann: sie habe es in ihren 15 Jahren auf den unterschiedlichsten Tauch-, Forschungs- und Walbooten noch nie erlebt, dass derart viele professionelle Kameras und Zeug an Bord gewesen wären.

Wow Moment!

Der Beginn unseres Ausfluges war recht ernüchternd. Wir sahen weit weniger Wale als bei den beiden Trips zuvor – auch kaum Breaches, so nennt man das Herausspringen der Buckelwale.

Die habe scheinbar alle ihr Pulver schon am frühen Morgen verschossen. Nach einer Stunde haben wir dann schließlich eine Delfinschule in Küstennähe entdeckt. Delfine – zumindest die wilden – haben aber so überhaupt keine Lust auf Badespaß mit der Filmcrew. Und mal wieder ohne Vorwarnung tauchen eine Buckelwal-Mama und ihr Kälbchen keine 50m von uns entfernt auf. Wir machen uns schnell bereit, Flossen an, Brille auf, Hollywood-Equipment einstellen und ab ins Wasser. Hier, im etwas flacheren und küstennahen Bereich, ist das alles etwas entspannter als weit draußen. 

Nach anfänglichem Fremdeln wird das Wal-Baby mutiger und schwimmt zwei-, dreimal ein paar elegante Schleifen um uns herum. Tolles Erlebnis! Ich kann davon ein paar Fotos machen bis … bis mein Auslöser nicht mehr reagiert. Und das genau in dem Moment, als das Baby sich mit Bauchseite zu mir durchstreckt. Was ein Anfängerfehler!!! Die SD Karte ist voll, ich hatte sie noch nicht gelöscht seit Beginn unserer Reise. Und da ich unter Wasser mit dem Burst-Modus fotografiere (10-12 Fotos pro Sekunde), läuft die Speicherkarte natürlich entsprechend schnell voll.

Ich habe mich riesig über den Fehler geärgert! Kurz an mein Reise-Buch gedacht, dass mir Janick geschenkt hat („The art of not giving a fuck“) – während direkt vor meiner Nase das Walbaby seine Kunststücke vollführte. Und dann hatte das Buch seinen ersten Einfluss hinterlassen: die Erkenntnis, dass eine nicht formatierte SD-Karte unter Wasser in Relation zu einem vor meiner Nase turnenden Walbaby – das zu schreien schien: „Schau mal, schau mal was ich kann! Und jetzt schau mal das an“ – ein recht kleines Übel ist. Wenn auch eines mit großer Konsequenz. Ich habe davon jetzt nämlich nur ein Foto! 

Und das kam nur deshalb zustande, weil ich unter Wasser schwimmend hektisch die ersten 4 Videos, die ich von Sydney gefunden habe, löschen konnte.

Als der Löschvorgang abgeschlossen war, blieben zwei, vielleicht drei Sekunden Zeit, um noch dieses eine Bild im Singleshot-Modus zu machen.

Die restlichen zwei Stunden vergingen dann recht zäh. Wir konnten heute seltsamerweise kaum Wale sehen. Das Wetter war zwar recht gut, aber jetzt weiter draußen war der Wellengang höher und der Wind kälter. Es gab warmen Kaffee. Kurz danach musste ich tierisch dringend pinkeln, hatte aber keinen Bock ins Wasser zu hüpfen. Der Wind war wirklich frisch jetzt und nass will man da nicht noch ne Stunde auf dem Boot verbringen.

Als die Sonne schon recht tief stand, gab der Kapitän das Kommando zur Rückkehr. Und mitten in seinem Satz sehen wir einen Blow vor uns. An dieser Stelle, weit draußen auf dem Ozean, ist das Wasser sehr dunkel. Durch die Lichtreflexionen sieht man auch von oben kaum etwas. Ich war in der zweiten Gruppe. Da jedoch jemand aus der anderen Gruppe bei diesen Bedingungen nicht rein wollte, durfte ich den Platz einnehmen. Also wieder hektisch in die Flossen, Brille auf und reingesprungen. Und dann wow!

Unter Wasser war die Sicht phänomenal! Man konnte gut und gerne 50m weit sehen. Ein großer Bulle war ganz tief unter uns, man erkannte jedoch deutlich die dunkle Silhouette in der Ferne. Mama und Waljunges kamen grad wieder aufgetaucht und das Kälbchen war total verspielt. Es kam mehrere Male bis auf wenige Meter an uns heran und drehte immer erst im letzten Moment ab, in dem es seine Seitenflossen ganz weit ausspreizte und dann in einer scharfen Kurve an uns vorbeiflog. Das war herrlich! Die Sicht war so gut, dass ich mir sicher war, das werden die besten Fotos! Und jetzt rechtfertigt sich auch die neue Kamera! Ich konnte bei dieser klaren Sicht problemlos mit dem Autofokus fotografieren. Geniales Erlebnis! Wir wechselten die Gruppe und während ich zurück zum Boot geschwommen bin, hat mich das Gewissen gepackt! So schade, dass ich das nicht mit Maila und Miri teilen konnte! Unser Trip gestern war zwar auch sehr toll, die Sicht war aber insgesamt etwas trüber. Das hier ist wie 8K Fernsehen.

Während die andere Gruppe sich im Wasser über ein paar akrobatische Kunststücke des Walbabys freute, machte sich sogar die Bootscrew bereit, um noch ein letztes Mal mit uns reinzugehen. Wir bekamen weiter kurze fünf Minuten für ein letztes Mal.

Ich habe nur zwei oder drei Fotos gemacht und die restliche Zeit still im Wasser getrieben, um mir das alles fest einzubrennen. Wunderschön! Ich finde, das macht etwas mit einem. Schwer zu beschreiben. Es ist so respektvoll und urmenschlich, was sich da draußen in tiefen Ozean abspielt bei so einer Begegnung auf „Augenhöhe“. Das Kälbchen schwamm ganz langsam direkt auf mich zu, blieb für wenige Sekunden etwa 2 Meter vor mir still wartend und ich konnte die Oberfläche seiner Haut, die Knubbel auf seiner Spitze und sein Auge ganz klar und deutlich sehen. Das sind irrsinnig intime Momente. Wahnsinn. Davon gibt es kein Foto. Ich habe in diesem Moment ganz still zugeschaut, das Kameragehäuse treiben lassen und mich nicht bewegt. Ganz im Sinne des Buches – dieses Foto war mit scheißegal.

Wir kamen erst sehr spät zurück. Die ganze Fahrt über habe ich noch gegrübelt, ob ich Miri und Maila nicht doch noch von einem weiteren Ausflug als Familie überzeugen kann. So gerne hätte ich heute die beiden bei mir gehabt. Das Erlebnis war generell ähnlich wie schon gestern. Aber die Sicht war sehr viel besser und dadurch fühlt sich alles einfach nochmal so viel realer an.

Fazit: Just wow!!

Marc

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One comment

  1. Konnte mir so richtig vorstellen wie du das Bild von dem Walkälbchen,
    das du nicht gemacht hast , in deinem Gedächtnis abgespeichert hast……

    Danke für die super Bilder