Goodbye San Francisco

Vor dem Einsteigen mit dem kleinen Finger die Außenwand des Flugzeugs berühren. Dieses Ritual hat sich Maila vor unserer Reise gewünscht. Und das haben wir bei jedem Flug gemacht und so auch jetzt, vor unserem letzten Flug, dem längsten unserer Reise. Unser letzter Flug verlief ganz ruhig, bis irgendwann mitten in der Nacht (also lokale Nacht – unser Zeitgefühl ist völlig verloren gegangen) ein Steward aufgeregt durch die Kabine lief und alle noch wachen Passagiere mit Fensterplätze auf die Polarlichter aufmerksam machte. Es waren nur wenige Passagiere wach und wir hatten das Glück, dass fast neben uns ein sehr nettes Paar am Fenster saß, das anderen einen Blick nach draußen angeboten hatte. Das haben Miri und ich dankend angenommen. Maila hat schon tief und fest geschlafen und wir wollten sie nicht wecken. Am nächsten Morgen hat sie böse mit uns geschimpft und war ganz enttäuscht, dass wir sie nicht geweckt haben… und so gab es doch tatsächlich zum Abschied unserer Reise auch noch Polarlichter oben drauf – kitschiger geht nur Hollywood!
Am Flughafen in Frankfurt haben uns meine Eltern abgeholt und Maila hat sich die ganze Zeit schon auf beide Omis und den Opa gefreut. Sie hat den Opa Pit sofort entdeckt und ist ihm direkt in die Arme gesprungen. Danach war dann die Omi Doris mit einer festen Umarmung dran. Man hat ihr die Freude richtig angemerkt. Omanette wird das kommende Woche beim Wiedersehen sicher auch noch zu spüren bekommen.
Was waren unsere Highlights? Was würden wir beim nächsten Mal anders machen und was nochmal genau gleich? Wo wurden unsere Erwartungen übertroffen, und was war eventuell enttäuschend? Was bleibt, was darf gehen? Und wieviel hat der ganze Spaß am Ende gekostet?
Das sind die Fragen, die wir uns gestellt haben mit dem nahenden Ende unserer großen Reise in den vergangenen Tagen.
Any Highlights?
Gab es ein absolutes Highlight? Für mich eindeutige Ja! Das Königreich Tonga, mit seiner unglaublich beeindruckenden Südsee-Inselwelt, war ein absolutes Highlight. Und das schon ganz ohne den Höhepunkt mit dem Walschwimmen. Es sind wahnsinnig schöne Atolle mit vollkommen intakter Unterwasserwelt. Die Korallengärten sind sehr vital und sehen gesund aus. Es gab viele Fische und unglaublich tolle einsame Strände in alle Himmelsrichtungen. Die Lagune protzt in den schönsten Farbtönen und man kann sich schwer schönere Kulissen ausdenken! Das ist wahrlich großartig. Und dann kam der Tage, an dem wir mitten auf dem offenen Pazifik hineingesprungen sind. Direkt in die Kinderstube der Buckelwale. Wie beeindruckend war das bitte? Ich sage immer noch, dass es nicht in Worte zu fassen ist, was es mit mir gemacht hat. Du springst in dieses unendlich tiefe Blau, siehst die Sonnenstrahlen wie ein Vorhang nach 20-30m im blauen Nichts verschwinden. Und dann plötzlich tauchen die Schatten dieser riesengroßen Meeressäuger unter dir auf. Sie kommen näher, bis du ein große Buckelwal-Maul mit den typischen Warzen auf dich zuschweben siehst. Der Wal schaut dich an und gleitet sanft und so nah an dir vorbei, dass du intuitiv nach hinten ausweichst mit zwei, drei Flossenschlägen. Dein Körper ist voll mit Adrenalin, aber es ist viel zu faszinierend, gleichermaßen total surreal, um aus Angst davon zu schwimmen. Und dann schaut er dir in die Augen! Der Wal! Schaut dir direkt in die Augen, keine zwei Meter entfernt. Kein Zweifel, man sieht exakt seinen Blick. Das Auge so groß wie eine Grapefruit. Du siehst die Pupille, wie sie dich abscannt. Ich hätte heulen können, aber es kam nicht. Es war zu heftig für feuchte Augen. Das war berührend in seiner reinsten Form. Ähnlich berührende Ohnmacht habe ich bei Mailas Geburt empfunden. Es hat etwas urmenschliches. Es berührt dich an einer Stelle, die sonst verriegelt ist. Es war gedankenraubend durchdringend schön! Besser kann ich es nicht beschreiben.

Aber auch Palawan und Aitutaki waren großartig! Beide Reiseziele wären einen Absatz zuvor Kopf an Kopf mit Superlativen umschrieben worden, wäre da nicht das Königreich Tonga uneinholbar in Perfektion an der Spitze! Palawan besticht mit unglaublich netten Menschen, die immer ein Lächeln parat hatten, einer wahnsinnig tollen Natur, angefangen bei den leuchtend grünen Reisfeldern, den tollen Karststein-Küsten bis hin zu der grandiosen Inselwelt im Nordosten.

Aitutaki hat ein Lagune, die ihresgleichen sucht. Nicht nur zum Kiten eine Traum-Destination. Vor allem auch die ansteckende Island-Time und die sehr einfache Anbindung an die Menschen vor Ort, die es dir einfach machen ein Teil der kleinen Insel-Community zu werden. Ich kann nicht verstehen, wie man Aitutaki nur als Tagesausflug machen kann, wie die meisten Influenza erzählen. Hoffentlich bleibt es noch lange so! Jetzt, wo wir wissen wie es vor Ort ist, würden wir auch ohne Sorge einfach ein günstiges Homestay im Dorfzentrum nehmen. Es ist bescheuert ein Meerblick Bungalow zu hohen Preisen zu buchen. Man ist eh nie dort. Dafür bietet die kleine Insel viel zu viele attraktive Möglichkeiten die Zeit besser zu verbringen. Einzig das Essen war sehr eindimensional und eher ungesund, abgesehen von frischen (Thun-)Fisch, was man allen Südsee-Bewohnern ansieht. Aber hier gilt das auch als schön und attraktiv, behauptet man.
Was würden wir beim nächsten Mal anders machen, was genau gleich?
Ich weiß gar nicht, ob diese Reise für unsere Vorstellungen von Reise nicht einfach nahe an perfekt war? Abgesehen von kleineren äußeren Umständen, die sich auf so einer langen Reise nicht ganz vermeiden lassen (Erdbeben, Flugausfall, Tropen-Sturm und kleiner Krankheit), lief eigentlich alles perfekt! Und was nicht perfekt war, haben wir perfekt ausgebügelt bekommen. Da wir die Flüge nur bis Tonga vorab gebucht hatten, waren wir hinten raus auch so flexibel, dass wir Aitutaki auf eine Woche verlängern konnten, auch um dem schlechten Wetter auf Rarotonga aus dem Weg zu gehen. Die Flugpreise waren zum Teil kurz vorher günstiger als Monate zuvor. Und auch die Umbuchung nach Aitutaki, sowie der Ersatzflug von Ha‘apai waren auch ohne Internet machbar. Wir würden alles nochmal genauso machen. Nur auf Uoleva wäre unsere nächste Wahl wohl statt Pepa‘s Place das Kitesurf Tonga. Aber das sind wahrlich Luxusprobleme.
Was ich aber nicht mehr machen würde, wäre mit so viel Gepäck eine solche Reise anzugehen. Im Zweifel nur einen Kiteschirm und die Unterwasserkamera zuhause lassen. Auch wenn sie mir 4-5 traumhafte Bilder beschert hat, so waren Unterwasser-Gehäuse und Kiteschirm für eine große Tasche verantwortlich. Sollte es ein nächstes Mal geben, würde ich hier reduzieren. Auch bei der Kleidung könnten meine Mädels noch weiter einsparen. Sie haben schon gut gepackt, aber eine halbe Tasche wäre auch hier noch drin. Letztlich konnten wir überall, spätestens nach einer Woche, Wäsche waschen. Ein Set für 4 Tage ist wirklich ausreichend.
Was meine Frau toll gepackt hat, war die medizinische Notfalltasche. Von der haben wir Gott-sei-Dank nur 3 Ibuprofen und den Fieberthermometer benötigt, aber im Zweifel wären wir sehr gut ausgestattet gewesen.
Wo wurden unsere Erwartungen übertroffen, wo eventuell enttäuscht?
Übertroffen wurden unsere Erwartungen eindeutig auf der philippinischen Insel Palawan. Ursprünglich angedacht als günstiger Zwischenstopp, entpuppte sich Palawan als wahre Perle. El Nido, ein wuseliges, super sympathisches Dörflein, mit coolen Bars, viel guter Live-Musik und entspannten Leuten. Wir waren eher Off-Season, daher war es nicht zu überfüllt. Und die Ausflüge ins Umland, die Strände im Norden, die Berge und die Karststein Lagunen waren absolute Knaller. Damit hatten wir so nicht gerechnet, wenngleich wir Palawan schon länger auf dem Radar hatten. Wir waren uns einig, dass wir hier nochmal herkommen wollen.
Aber auch das Königreich Tonga, speziell die wunderschöne Inselwelt Ha‘apais, konnten die eh schon immens hohen Erwartungen übertreffen! Für meine Definition von Traumurlaub wüsste ich wahrlich nicht, was noch besser sein sollte?! Die Menschen, die Strände, die Lagunen, die Unterwasserwelt, die Kitespots, die abendlichen Spaziergänge an den schönsten Strandkulissen zu den knalligen Farben des Sonnenuntergangs und dabei winken die Wale mit ihren Flossen und blasen Wasserfontänen – es war so gut, so unfassbar gut! Ich entschuldige mich für das schwärmen, aber es ist an dieser Stelle verdient!
Im Grunde gab es überall wo wir waren irgendetwas Herausragendes und Besonderes.
Von Enttäuschung dürfen wir eigentlich gar nicht sprechen. Dafür waren alle Reiseziele viel zu spektakulär! Aber wenn ich eines rauspicken müsste, dann wäre es Tahiti in Französisch Polynesien. Dabei haben wir von der Insel gar nicht sonderlich viel gesehen, was meine Aussage jetzt auch wieder relativiert. Aber die Stadt Papeete ist das Zentrum einer dieser saumässig unsympathischen französischen Ex-Enklaven. Auch schon auf La Réunion haben wir ähnlich unangenehme Vibes gespürt. Allerdings besticht die Insel durch grandiose Natur, in die man schnell entfliehen kann. Hier laufen einfach viel zu viele Franzosen rum, die immer noch denken das sei Frankreich. Es ist unangenehm und hat mit Südsee-Feeling so viel zu tun, wie der KSC mit der Champions League. Auf Moorea war es schon viel besser, aber auch hier entkam man dem herrischen Franzosen nicht. So dürften sich die Mallorciner mit den deutsche Urlaubern fühlen, nur umgekehrt. Dafür kann Moorea natürlich nichts. Die Insel, und allem voran die Lagune im Nordwesten, ist toll! Schöne grünbewachsene und steile Berghänge, attraktive Hiking-Möglichkeiten und eine grandiose Unterwasserwelt stehen auf der Plus-Seite. Auf der Minus-Seite steht, das zu viel an Franzose. Sorry liebe Franzosen, ich weiß, ihr seid nicht alle so. Aber die in Französisch Polynesien sollten dringend mal in den Nachhilfeunterricht „Geschichte Grand Nation“, um eigenes Auftreten im Ausland zu hinterfragen. Abgesehen davon hat die Sau von der Airline French Bee am Flughafen fast das Ende meines Kiteboards besiegelt. Alleine schon dafür mag ich Papeete nicht. Aber auch schon ohne diese persönliche Note finde ich, dass Moorea und Tahiti am wenigsten Südsee-Flair versprüht haben. Nicht falsch verstehen! Moorea ist toll, aber es war ein kleines Bißchen weniger geil, als alle anderen Inseln.
Was bleibt, was darf gehen?
Was bei mir bleibt sind zwei Dinge! Erstens: jetzt bin ich 45 Jahre alt, alt irgendwie, aber doch noch recht jung dafür, dass ich mit dieser Reise bereits meine Reise-Lebensträume erfüllt habe. Was jetzt noch kommt – und hoffentlich kommt noch viel mehr – ist eine Zugabe. Niemals nicht hätte ich das vor 20 Jahren kommen sehen! An dieser Stelle ein Dankeschön an Tina und Michael für die Einladung zu ihrer wunderbaren Hochzeit in Kuala Lumpur, die damit den Startschuss für uns gelegt haben! An Timm, der mit uns die ersten Schritte ins Travel-Fieber unternommen hat. An Max, der mit mir zum Kilimanjaro ist und natürlich auch an Janick, der uns auf unserem ersten wilden Ritt durch Afrika begleitet hat! Und natürlich auch an dich, liebe Verlobte, dass du das alles immer mitmachst und mir so vertraust. Ich hoffe, ich habe dich immer gut behütet und stets an neuen Grenzen gebracht.
Und zweitens: ich habe eine so tolle kleine Familie, dass ich mich manchmal frage, wie ich das hinbekommen habe! Ich liebe meine Mädels mit all ihren Macken und Dellen. So viele sind es auch gar nicht. Ich bin so dankbar für die vielen Momente, die wir in diesem Sommer geteilt haben. Es sind für mich so wunderbare Erinnerungen dabei, die ich sicher mit ins Grab nehmen werde! Und wir haben eine so tolle Tochter, dass ich erst gar nicht versuche dies in Worte zu fassen. Ich habe es bis zum heutigen Tage nicht geschafft einen Song über Maila zu schreiben. Ich finde einfach keine Worte, die ihr gerecht werden. Solltest du diese Zeilen irgendwann mal lesen können: ich liebe dich über alles in der Welt und du bist jetzt schon ein so großartiges kleines Mädchen, dass ich mir gar nicht ausmalen kann, wie großartiger du noch werden wirst! Hoffentlich darf ich dabei noch sehr lange an deiner Seite zuschauen!

Marc




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