Die Überfahrt
Heute sind Maila und ich mit dem Kajak auf die unbewohnte Insel rüber gepaddelt. Maila war schon ganz aufgeregt. Sie hat gefragt, ob auf der Insel Piraten sein könnten. Und da habe ich natürlich das geantwortet, was jeder verantwortungsvolle Vater sagen würde. Natürlich könnte es dort Piraten geben! Sehr sicher sogar! Wir sind ja schließlich in der Südsee. Und auf unserer Überfahrt erwartet uns auch Hai-verseuchtes Gewässer! Was im übrigen wirklich stimmt! Am Morgen wurden drei Weißspitz-Haie im Channel gesichtet.
Voller Abenteuerlust sind wir also mies vorbereitet, mal wieder ohne Wasservorrat, in See gestochen. Nach einer anstrengenden Überfahrt von etwa 15 Minuten haben wir den Sandstrand der grün bewachsenen und unbewohnten Insel erreicht. Meine Seemädchen und ich haben unter größten Mühen unser Piraten-Kajak an Land gezogen, damit es während unserer gefährlichen Expedition nicht von der Flut aufs Meer gespült wird.
Fester Boden unter den Füßen
Zunächst haben wir uns am Sandstrand entlang gekämpft. Die dichte Vegetation hat es uns unmöglich gemacht auch nur einen kurzen Blick in den Dschungel zu erhaschen. Leise, wie geschmeidige Raubkatzen, haben wir schließlich einen felsigen Küstenabschnitt erreicht. Nach ein paar mühsamen Kletterpassagen hat meine Jungpiratin doch tatsächlich wieder mal ein Bambusfloß entdeckt! Kein Witz! Mit Schnürren recht professionell verknotet, lag da ein gestrandetes Holzfloß! Schon wieder – langsam glaube ich wirklich, es gibt hier Piraten.
Maila hat sich sofort dran gemacht, die nähere Umgebung nach Schätzen abzusuchen. Mit einer selbstgebauten Schaufel hat sie ein fünf Meter tiefes Loch ausgehoben. Und … zu unserer Überraschung nichts gefunden.

Erste Anzeichen von tierischem Leben
Enttäuscht sind wir Piraten weiter gezogen auf unsere Expedition, bis wir plötzlich eine kleine Öffnung im dichten Unterholz des Dschungels ausmachen konnten. Als verantwortungsbewusster Vater wusste ich sofort, was zu tun ist: ich habe meine Tochter, barfüßig, zuerst in den Dschungel geschickt. Es warteten möglicherweise grosse Spinnen, Baumschlangen, vor allem aber unglaublich viele Kokosnuss-Krabben auf uns! Überall raschelte es und man sah mindestens 30 recht große rote Krabben in tollen eindrucksvollen Muschelgehäusen. Ein paar saßen sogar auf den Bäumen. Eine Krabbe hatte verrückterweise sogar eine Eierschale als Haus verwendet!? Nun wurde uns auch klar, warum die Kokosnuss-Krabben heißen!
Palmen Erstbegehung

Von Hunger und Durst getrieben, kletterte Maila eine Kokos-Palme am Strand hinauf. Sie ist so schräg Richtung Meer gewachsen, dass sie sich bestens für den bekannten Werbespot für eine Nascherei aus den 90ern eigenen würde. Sie war fast schon oben, dann hat der Kapitän aber doch etwas Angst bekommen, dass das Seemädchen abstürzt. Das nächste Piraten-Hospital ist ca. 3 Tage Anreise entfernt – über die Kosten solch einer Expedition wollen wir erst gar nicht nachdenken – und so habe ich zum ersten Mal heute wirklich verantwortungsvoll gehandelt und bin selbst hinauf geklettert. Übrigens unter Protest meiner Tochter. Sie hat mir irgendwas davon erzählt wie gefährlich das sei und dass das nächste Krankenhaus weit entfernt wäre. Diese Kinder immer.

Nun, wie dem auch sei – ich habe das Überleben der Crew gesichert. Also fast, die geerntete Kokosnuss war zu jung und hatte noch keine Milch. Unter noch größerem Protest meines Seemädchens mussten wir das Projekt „Essen & Trinken“ einkassieren. Ruhig und sachlich habe ich meiner Tochter erklärt, dass auch anhaltender Protest mit lautem und hohen Wimmern keine Milch in die Kokosnuss zaubert. Als verantwortungsvolle Tochter hat sie dies selbstverständlich nicht akzeptiert. Also habe ich Schlaufuchs schnell wieder in den Piraten-Modus geschaltet und mein Seemädchen ins nächste Abenteuer geschickt. Man konnte nämlich schon das andere Ende der Insel sehen – und glaubt es oder nicht: man hört vom Strand aus die Wale singen!
Keine 5 Minuten später trafen wir auf zwei Australier und Lucy, eine der Guides. Die waren im Channel schnorcheln und haben ebenfalls von den sehr lauten Walgesängen im Wasser berichtet. Wir dachten zuerst es seien Piraten. Maila hat sich schon mit einem Stock bewaffnet. Wir haben dann aber Frieden geschlossen und die Insel untereinander aufgeteilt.
Auf dem Rückweg hat uns Lucy erzählt, dass es hier auf der Insel ein altes Relikt gibt, das den Erzählungen der älteren Dorfbewohner nach eine sehr alte und möglicherweise steinzeitliche spirituelle Ort ist. Lucy hat uns durch einen zweiten kleinen Pfad in den dichten Dschungel geführt. Barfüssig sind wir über Dornen und Krabbelgetier etwa 30 Meter tief in das Unterholz vorgedrungen. Vor uns türmte sich tatsächlich ein pyramidenförmiger Erdwall empor. An den Seiten konnte man noch die Steinplatten in symmetrischer Anordnung erkennen. Ein bisschen abgefahren! Es diente früher wohl als Opferstätte, um wen auch immer milde zu stimmen. Naturgewalten gibt es hier ja wahrlich mehr als genug. Fast jeden Tag rumpelt und wackelt es. Der große aktive Vulkan Tofua gegenüber qualmt seit ein paar Tagen deutlich sichtbar. Beim gestrigen Sundowner haben Gäste der Sandy Beach Lodge (dem Vulkan zugewandten Seite) von wiederholtem Rumpeln und Knallen berichtet. Und das die Opferstätte den höchsten Punkt der Inseln erreicht, ist angesichts der drohenden Tsunamis in dieser Region nachvollziehbar.
Unsere Expedition neigt sich dem Ende zu und wir marschieren, bepackt mit tollen Erlebnissen, zurück zu unserem Piraten-Kajak. Es liegt noch sicher im Sand. Die Flut ist ihm aber schon bedrohlich nahe gekommen. Wir packen unsere Sachen und machen das, was Piraten am besten können. Wir stechen in See und paddeln schwitzend und angestrengt durch die kräftige Strömung im Channel, die uns aufs Meer hinauszieht. Jetzt macht sich die jahrzehntelange Erfahrung des Kapitäns bezahlt – der unter Anfeuerung der Bootscrew – gekonnt durch Stromschnellen und Untiefen sicher das ersehnte Ufer unserer Heimatinsel erreicht.
Erschöpft aber glücklich schläft das Piraten-Seemädchen direkt nach dem Abendessen auf ihrem Stuhl ein.
Marc und die abends stets schläfrigen Mädels




3 comments
Und wo war die Mama?
Nächstes Mal das Wasser nicht vergessen!!!
Hach Marc 😂
Und wo war die Mama?
Nächstes Mal das Wasser nicht vergessen!!!